Freie Software an Schulen
Freie Software an Schulen, Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen ist leider nach wie vor ein Thema, welches nur sehr zögerlich angegangen wird. Oft werden zusätzliche Kosten oder die Umgewöhnung zu einer neuen Umgebung gescheut. Auf dieser Seite möchten wir auf die Vorteile hinweisen, die die Nutzung von FLOSS an Schulen mit sich bringt.
Warum Schulen auf freie Software setzen sollten
Wirtschaftliche Gründe
Anschaffungskosten
Der erste und auffälligste Grund gegen den Einsatz proprietärer Software sind enorme Kosteneinsparungen bei der Anschaffung: Freie Software erlaubt das beliebig häufige Kopieren der Programme, während bei proprietären Programmen häufig für jeden Rechner eine eigene Lizenz nötig ist. Selbst durch Nutzung spezieller Schul- oder Klassenlizenzen bewegt man sich allein bei Anschaffung eines aktuellen kommerziellen Betriebssystems für einen Klassenraum im drei- bis vierstelligen Euro-Bereich. Setzt man die Kosten für das Betriebssystem in Relation zu den Kosten für die Hardware, lassen sich schnell deutliche Unterschiede zwischen freier und kommerzieller Software erkennen.
Ein oft ins Feld geführtes Argument ist die Betrachtung der Kosten für die Einrichtung der Software sowie für Schulungen der Benutzer. Da Schulen in der Regel sowieso zu Eigenmitteln und engagiertem Personal greifen müssen, um einen Computerraum einzurichten und am Leben zu erhalten, fallen diese Argumente ein wenig aus dem Rahmen. Dennoch ist es möglich festzustellen, dass die Kosten für Einrichtung und Wartung im Vergleich zu kostenpflichtigen Produkten nicht nennenswert höher ausfallen dürften, zumal die Einarbeitungszeit z.B. in aktuelle Linux-Distributionen bei weitem nicht mehr so hoch ausfällt wie es noch vor einigen Jahren der Fall war.
Wartung
Schulnetzwerke, die auf freier Software basieren, reduzieren den Zeitaufwand für die Systemwartung. Häufig kommt diese Aufgabe einer Lehrperson zu, die nun mehr Zeit zur Vorbereitung ihres Unterrichts hat. Aber auch bei einem externen Wartungsvertrag hilft freie Software beim Sparen:
- Rechner mit GNU/Linux-System lassen sich ohne Umgehung von Kopierschutz-Mechanismen "spiegeln" - eine zentrale Verwaltung aller Rechner ist problemlos möglich
- Aktualisierung von Software funktioniert stufenlos - eine Neuinstallation ist in der Regel nicht mehr erforderlich
Nachhaltigkeit
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Nachhaltigkeit von Anschaffungen: Freie Software (hier mit besonderem Augenmerk auf freie Betriebssysteme und Server-Anwendungen) hat den Vorteil, dass nach dem Ende des Produktlebens respektive mit dem Aufkommen einer neuen Version des Betriebssystems oder Server-Dienstes in der Regel ein Update automatisiert und rückwärts-kompatibel eingebracht werden kann. Kostenpflichtige Software bietet häufig Updates zu zwar vergünstigten Preisen, jedoch stellt das Einspielen eines oder mehrerer Updates insbesondere bei notwendigen Neuinstallationen einen immensen Zeitaufwand dar - im Gegensatz zu freier Software ist nicht zu erwarten, dass es bei kostenpflichtigen Programmen anbieterübergreifende Mechanismen geben wird. Bei freier Software kosten neue Versionen kein Geld, ausserdem können Programme über eine Versionsverwaltung einheitlich auf dem aktuellen Stand gehalten werden.
Der Wechsel
Öffentlich spezifizierte Protokolle und (Speicher-)Formate erleichtern zudem (im Gegensatz zu einem großen Teil kostenpflichtiger Closed-Source-Software) den Wechsel der Anwendung oder des Systems, nachdem gravierende Änderungen gemacht wurden oder der Programmierer einer Software diese nicht weiterentwickelt beziehungsweise ein besser nutzbares Alternativprogramm gefunden wurde.
Fehlende Mittel
Nicht nur unter wirtschaftlichen Kriterien betrachtet ermöglicht teilweise erst der Einsatz freier Software die Nutzung z.B. eines bestimmten Dienstes: Für kostenpflichtige Produkte kann häufig schlichtweg kein Geld eingesetzt werden, so dass bestimmte Sparten von Anwendungen (die z.B. nicht unbedingt im Rahmen des normalen Unterrichts vertreten sein müssen) ohne freie Software gar nicht erst mit Leben gefüllt werden können. Das ist insbesondere in Hinblick auf die Ausbildung von Schülern an allgemeinbildenden Schulen recht traurig.
Didaktische Gründe
Der Bildungsauftrag verpflichtet Lehrerinnen und Lehrer, ihre Schüler/innen zu mündigen Bürgern zu erziehen. In einer Mediengesellschaft bedeutet dies auch, eine Medienkompetenz zu vermitteln, die herstellerunabhängig ist.
Erlerne Fähigkeiten, nicht Techniken
Kurse mit einer bestimmten proprietären Anwendung nützen dem Lernenden nur, solange er oder sie mit genau der Version arbeitet, die auch bei der Schulung eingesetzt wurde. Da sich Software aber weiterentwickelt und verändert, ist es besser die Techniken allgemeiner zu vermitteln, damit sich der oder die Schülerin in einer veränderten Situation leichter zurecht findet.
Technische Gründe
Anpassungsfähigkeit
Jede Schule ist anders -- spezielle Anforderungen oder Änderungen können es erfordern, dass die Schule die Software durch eigenes Fachpersonal oder beauftragte Programmierer modifiziert. Proprietäre Software bietet diese Möglichkeit nicht -- außer dem Hersteller kann niemand sie verändern. Der Hersteller kann daher die Preise für solche Dienste nach belieben bestimmen -- und im Falle des Bankrotts gibt es niemanden mehr, der die nötigen Modifikationen durchführen kann.
Skalierbarkeit
Aufgrund des Geldmangels muss in Schulen häufig auf moderne Hardware verzichtet werden -- daher ist es wichtig, dass die eingesetzten Softwareprodukte so anpassungsfähig sind, dass sie auch auf alter Hardware nützlich und verwendbar sind. Mit freier Software besteht durch ihre Anpassungsfähigkeit die Möglichkeit eventuelle Anpassungen vorzunehmen.
Zwischen dem Quellcode und der Benutzung einer freien Software steht das Übersetzen in Maschinensprache. Bei vielen Programmen bietet sich an dieser Stelle die Möglichkeit eine resourcensparendere Version zu produzieren.
Programmierunterricht
Freie Software kann beim Lehren von Programmiersprachen helfen: Nachdem man die Grundlagen dieser Wissenschaft erlernt hat, ist es sehr wichtig, den Quellcode anderer Programme lesen zu können, um so von den "Profis" zu lernen. Proprietäre Software ermöglicht es den Schülern nicht, die Programme in ihrem Inneren zu verstehen, da der Quellcode geheim gehalten wird. Haben die Schüler hingegen das Programmieren auf einem komplett freien Betriebssystem gelernt, können sie die Anwendungen verstehen und verbessern, die sie auch selbst ständig nutzen.
Manchmal erlauben Hersteller proprietärer Software den Bildungsstätten den Einblick in ihre Software. Hier ergibt sich aber ein gravierendes Problem: Der gesichtete Quellcode bleibt weiterhin Geschäftgeheimnis und ein Programmierer kann sich einer Urheberrechtsverletzung strafbar machen, falls er später einmal ein Konkurrenzprodukt als freie Software schreiben möchte.
Mit etwas Engagement des Lehrpersonals kann freie Software zudem auf eine weitere Art in den Unterricht eingebunden werden: Anstatt die Schüler immer nur wahllose Beispiele aus Büchern nachprogrammieren zu lassen, könnten z.B. Schüler, die die Grundzüge des Programmierens verstanden haben, auf Fehler in freien Programmen angesetzt werden. Das ist für technik-interessierte Schüler nicht nur deutlich interessanter und lehrreicher, sondern hilft im Gegenzug wieder den Entwicklern und Nutzern der freien Programme.
Soziale Gründe
Freie Software kann von allen Schülern zu Hause verwendet werden, ohne dass gegen geltendes Copyright verstoßen werden muss.
Schulen sollen nicht nur Wissen vermitteln
Schule hat einen Bildungsauftrag. Dieser kann keinesfalls so definiert werden, dass er als Ausrichtung auf eine bestimmte Softwareart oder gar eine Firma interpretiert werden kann. Den Schülern soll vielmehr (nach Möglichkeit) das gesamte Spektrum existenter Software und der damit verbundenen Lösungsansätze für die Probleme der Menschen nahe gebracht werden. Aus diesem Spektrum ist OpenSource-Software nicht zu eliminieren.
Der Einsatz proprietärer Software zwingt Schüler schon in der Grundschule dazu, ihre Freiheit bei der Nutzung von Computern aufzugeben. Dadurch vernachlässigt die Schule ihre Aufgabe, Kinder zu guten, hilfsbereiten Mitgliedern der Gemeinschaft zu erziehen. Stattdessen sagen sie indirekt: "Du darfst diese Software nicht mit nach Hause nehmen. Auch ist es dir verboten, von zu Hause Programme mitzubringen, um sie deinen Klassenkameraden zu geben".
Schulen sollten den Schülern Lebensweisen beibringen, von denen die gesamte Gesellschaft profitiert. Sie sollten den Einsatz freier Software genauso fördern wie Recycling. Dies wird der Gesellschaft helfen, aus der Herrschaft großer Konzerne zu entkommen. Diese Firmen verschenken Kostproben an Schulen aus den selben Gründen, aus denen Tabakhersteller kostenlose Zigaretten verteilen: um Kinder abhängig zu machen ((Der Tabakhersteller RJ Reynolds wurde 2002 zu einer Strafe von $15m verurteilt, weil er kostenlose Zigaretten auf Veranstaltungen verteilte, die von Kindern besucht wurden. Siehe http://www.bbc.co.uk/worldservice/sci_tech/features/health/tobaccotrial/usa.htm)). Richard M. Stallman (Präsident der Free Software Foundation)
Heimarbeit
Der Einsatz unfreier Programme behindert außerdem die Heimarbeit mit dem PC, da die Anschaffungskosten deutlich erhöht werden. Die Schule ist ein Ort, an dem Leute aus allen Gesellschaftsschichten zusammenkommen. Daher ist es z.B. unzumutbar, den Einsatz von Microsoft Office zu fordern. Durch den Einsatz freier Software hingegen könnte die Schule all ihren Schülern Medien mit Betriebssystem und aller benötigten Software kostenlos oder gegen einen geringen Betrag anbieten (bei einer Produktion von z.B. 1.000 DVDs sind Herstellungspreise von unter einem Euro/DVD realistisch.)
Bildung wird von proprietärer Software behindert
Einige proprietäre Programme behindern Bildung aus finanziellen Gründen sogar vorsätzlich -- in den Lizenzbedigungen zu TurboPlot heißt es etwa: "Der Unterrichtseinsatz der Sharewareversionen in Schulen und ähnlichen Bildungseinrichtungen ist untersagt."
Referenzen
Die Friedrich-Dessauer-Schule Limburg/Lahn setzt seit 1994 GNU/Linux und darauf laufende freie Anwendungen "mit gutem Erfolg" ein. Zudem nutzt die 2005 runderneuerte Schulhomepage nun das freie CMS Typo3.
Auf den GNU/Linux-Seiten des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium Metzingen findet sich u.A. eine Liste (Stand: 1999) mit Schulen, die GNU/Linux einsetzen.
Auf Newsforge wird in einem Artikel berichtet, warum man sich an der University of Detroit Jesuit High School and Academy für Open Source entschieden hat.
Die Hauptschule im Schulzentrum Pennenfeld in Bonn http://hsp.bonn.de setzt auf ihren Servern und auf den Schülerrechnern GNU/Linux ein.
Das Gymnasium Remigianum in Borken (Westf.) http://www.remigianum.borken.de setzt auf allen Rechnern GNU/Linux auf dem Desktop und natürlich auch auf den Servern ein. Es wird prinzipiell nur freie und nach Möglichkeit plattformunabhängige Software für den Informatikunterricht eingesetzt (Python, Java, OpenOffice, Gimp, XEmacs, ksimus, ...)
Literatur
Bundeszentrale für politische Bildung: "Freie Software in der Schule"
Matthias Kabel: Linux in der Schule
Einige Gedanken zu freier Software an Schulen aus Sicht eines Lehrers
Projekte und Vereine
Pingos-Projekt - Linux-User helfen Schulen
Linux in der Schule: Projekte auf dem LinuxTag 2005
Skolelinux international - Debian für Schulen (Debian-Edu): "Freie Software vom Server bis zum Desktop"
Edubuntu - Ubuntu-Variante für den Klassenraum (
Slix's - Debian-basierende Lösung für Schulen.
Squeak - Eine visuelle Programmierumgebung für Kinder aller Altersstufen
Weblinks
Warum Schulen nur Software einsetzen sollten, die frei ist von Richard Stallman (deutsche Übersetzung)
http://www.peter-bingel.de Allgemeines zum Einsatz von Linux in der Schule, Softwareübersicht, Links und Literatur
Bildungsarbeit auf neuen Wegen - Dokument über den Schulterschluss zwischen dem Land Hessen und dem Konzern Microsoft (Classerver)
