Häufige Missverständnisse und Vorurteile
In diesem Artikel möchten wir auf einige weit verbreitete Vorurteile und Missverständnisse gegenüber freier Software eingehen und versuchen diese zu widerlegen.
"Freie Software kann nicht kommerziell sein"
Ein oft anzutreffendes Missverständnis ist, dass freie Software mit kostenloser Software gleich gesetzt und als Gegenteil von kommerzieller Software angesehen wird. Verstärkt wird dies durch den leicht misszuverstehenden Begriff "Free Software" im Englischen. Gemeint ist damit "frei" im Sinne von Freiheit, nicht im Sinne von gratis (ebenfalls free im Englischen). Daher verwenden einige den Begriff "Libre Software", um den Unterschied klarzustellen (siehe Begriffe).
Es ist zwar in der Tat so, dass fast jede freie Software ohne weitere Kosten von den Webseiten ihrer Autoren bezogen werden kann, es ist jedoch legitim, freie Software für jeden beliebigen Preis zu verkaufen und den Quellcode nur beim Erwerb einer fertigen und bequem installierbaren Software auszuliefern.
Es obliegt einzig und allein dem Nutzer, ob er bereit ist, für einen gewissen Mehrwert (zB. Installationssupport) Geld zu zahlen oder nicht. Aus diesem Grund kann freie Software auch kommerziell sein. Erlaubt ein Autor den Verkauf seiner Software nicht, so ist es keine freie Software.
Einige Anbieter von GNU/Linux Distributionen verkaufen ihre Software zum Beispiel in Schachteln mit einem gedruckten Handbuch. Eine solche Behandlung von freier Software ist erwünscht und macht sie kommerziell.
"Freie Software wird nur von Hobbyprogrammierern betrieben und zerstört Arbeitsplätze"
Es gibt bereits heute viele Menschen, die durch das Entwickeln oder den Support für freie Software ihren Lebensunterhalt verdienen - so z.B. die Mitarbeiter einiger GNU/Linux-Distributoren (zum Beispiel RedHat, Novell oder Linspire) oder die Service-Techniker der vielen Dienstleister (z.B. IBM), die freie Software anbieten. Die Firma Apple, die ihr Betriebssystem OS/X auf die freie Software von FreeBSD und NetBSD aufbaut, beschäftigt mittlerweile die prominentesten Entwickler des FreeBSD-Projektes, deren Arbeit sowohl in das kommerziell vertriebene OS/X als auch in das freie FreeBSD einfließt.
Natürlich könnte man argumentieren, "Mit jeder Stunde, die jemand in Freie Software investiert, verliert ein fest angestellter Programmierer die Chance, eine Stunde bezahlte Arbeit zu leisten". Viele Projekte, die heute als Freie Software zur Verfügung stehen, entstanden aber aus einem wichtigen Grund: Es gab schlicht und einfach keine Firma, die ihre Programmierer auf solche Projekte ansetzte. Umgekehrt muß man sich fragen, wieviele bezahlte Arbeitsstunden oder welche Lizenzkosten deshalb nicht anfielen, weil Mitarbeiter auf Freie Software zurückgreifen konnten. Dies wird eindrucksvoll durch den Einsatz des Freien Betriebssystems GNU/Linux in Geräten wie PDAs, Mobiltelefonen, Unterhaltungs- und Kommunikations-Geräten und Netzwerkkomponenten demonstriert. Wie es sich auf die Entwicklungszeit und den Endpreis auswirkt, wenn der Hersteller dieser Geräte für die eingebettete Software Lizenzgebühren oder Programmierer bezahlen muß, kann man sich leicht vorstellen.
Bei Projekten wie GNU/Linux, FreeBSD oder GCC muß man sich fragen, welche Firma überhaupt in der Lage wäre, ein derartiges Projekt durchzuführen. Wohl kaum ein Betrieb verfügt über so viele Mitarbeiter, daß sich für jedes Detail ein geeigneter Experte findet. Die Fähigkeit, Entwickler aus allen Bereichen der Welt durch eine gemeinsame Idee (z. T. nur temporär) zu vereinen, ist ein Vorteil, die die Freie Software der kommerziellen Softwareentwicklung vorraus hat.
"Freie Software unterstützt bestimmte Dateiformate nicht"
Hersteller freier Software bemühen sich immer, Dateiformate offen zu halten. Die Probleme mit gewissen, unfreien Dateiformaten lassen sich einfach umgehen, indem man zum Austausch von Dateien auf offene Formate setzt - (siehe auch offene Dateiformate und den Brief gegen den Versand von Word Dateien.
"Freie Software ist nicht sicher und qualitativ minderwertig"
"Wenn jeder den Quellcode einsehen kann - dann entstehen doch viel schneller schadhafte Programme (z.B. Viren) usw.! Ein Programm, das ohne finanzielle Unterstützung entsteht kann nur minderwertig gegenüber einem proprietären Programm sein."
Dadurch, dass jeder den Quellcode einsehen kann, können in freier Software leichter Sicherheitslücken entdeckt - aber auch schneller und von jedem, der dazu fähig ist, behoben werden. Wird z.B. eine Sicherheitslücke im MS Windows Betriebssystem gefunden, muss der Anwender bis zum nächsten "Patchday" evtl. bis zu einem Monat auf einen Patch warten und ist bis dahin entsprechenden Angriffen schutzlos ausgeliefert.
Die allgemeine Qualität einer Software ist nur durch die Fähigkeit der Autoren begrenzt, die die Software programmieren. Bei freier Software können beliebig viele Entwickler zu der Qualität beitragen, während bei proprietärer Software nur ausgewählten Leuten die Entwicklung möglich ist, da nur sie Einsicht in den Code haben und ihn gleichzeitig auch verändern dürfen. Da es mehr oder weniger eine ständige Entwicklung geben kann, besteht eher die Möglichkeit Innovationen ziemlich rasch umzusetzen, während proprietäre Software oft an bestimmte Entwicklungsrahmen gebunden sind.
Aus Sicht eines Programmierers kann jeder andere Programmierer den Quelltext einsehen, und damit auch über die Fähigkeit des Autors urteilen. So wird zum Beispiel ein Modul für Linux erst dann als gebrauchsfähig eingestuft, wenn es durch Volllständigkeit, Eleganz und Fehlerfreiheit einen gutes Licht auf den Autor wirft, nicht schon, wenn es irgendwie funktioniert. Und wer möchte öffentlich als Autor von Schadroutinen oder Viren dastehen?
Durch die Gewährleistung der Freiheit ist es ausserdem möglich, ein möglichst breites Nutzerspektrum anzusprechen, da für verschiedene Präferenzen unterschiedliche Lösungen angeboten werden können, und sei es durch ein fremdes Team.
"Freie Software ist lizenzfrei"
Häufig hört man im Zusammenhang mit freier Software, diese sei "lizenzfrei". Das ist aber völlig falsch: Auch freie Software unterliegt einer Lizenz, die bestimmte Regeln vorschreibt, um z.B. die vier Freiheiten dauerhaft zu bewahren.
Software wird von einem oder mehreren Menschen erstellt, die an ihrem Werk als Autoren bestimmte Rechte haben. In einer Lizenz stellen sie dar, wie sie ihre Rechte (das Recht, die Software zu nutzen; das Recht, die Software zu ändern, zu erweitern, oder die Software in anderen Projekten einzusetzen) wahrzunehmen gedenken. Wie diese Lizenz genau ausgestaltet ist, bestimmt darüber, ob Software frei oder proprietär ist.
Es ist allerdings wahr, daß die Lizenzen freier Software häufig bestimmen, daß die Software ohne Zahlung einer Lizenzgebühr benutzt werden kann. Was die weitere Nutzung der Software angeht, zum Beispiel als Grundlage eines eigenen Software-Projekts oder als Software eines Hardware-Produktes, bestimmen die Lizenzen unterschiedliche Einschränkungen: So verlangt die GPL des GNU-Projektes, dass sie ausschließlich in solche andere Projekte integriert werden kann, die selbst unter der GPL lizensiert sind, während die BSD-Lizenz nur verlangt, daß der Autor der Software in Quelltext und Dokumentation genannt wird.
